Entwicklung und Einsatz:


Im Jahre 1922 legten die aus dem Zusammenschluß der deutschen Länderbahnen hervorgegangenen Deutschen Reichseisenbahnen ein bislang beispielloses Beschaffungsprogramm für elektrische Lokomotiven auf. Hintergrund waren die Elektrifizierung der bayrischen Hauptstrecken und die Wiederaufnahme und Ausweitung des elektrischen Zugbetriebes in Mitteldeutschland (Strecken Leipzig – Halle und Leipzig – Bitterfeld – Dessau – Magdeburg). Außerdem entsprachen die vorhandenen E-Lok-Typen aus der Zeit vor 1914 nicht mehr den gestiegenen Leistungsanforderungen.
Die verschiedenen neuen Lok-Typen sollten aus wirtschaftlichen Gründen nach weitestgehend einheitlichen Gesichtspunkten gebaut werden. Unter anderem war auch eine Maschine für den leichten Güterzugdienst vorgesehen, die aus Umlaufgründen ebenso im Personenzugdienst eingesetzt werden konnte. In den Jahren 1922 und 1924 bestellte die Deutsche Reichsbahn insgesamt 56 Lokomotiven dieser als E 77 bezeichneten Lokbaureihe. Der dreiteilige Lokkasten ist mit Faltenbälgen untereinander verbunden. In den beiden äußeren Kästen befinden sich außer den Führerständen je ein ca. 1,70 m großer Fahrmotor und im mittleren Kasten der Transformator. Die vier Treibradsätze werden vom Motor über Zahnradvorgelege und Treibstangen bzw. Kuppelstangen angetrieben. Diese aus der Dampfloktechnik entlehnte Antriebsform mit Stangen und einem riesigen, im Lokkasten fest aufgestellten Fahrmotor entsprach damals dem Stand der Technik. Die später in den 1930-er und 1940-er Jahren zum Einsatz kommenden wesentlich kleineren Tatzlagermotoren, welche im Fahrgestell direkt an den Radsätzen angebracht wurden, waren zu dieser Zeit noch in der Entwicklung.
Stationiert waren die 65 km/h schnellen Maschinen zunächst in Bayern (München, Regensburg, Rosenheim, Freilassing, Augsburg und Garmisch) sowie Mitteldeutschland (Leipzig-Wahren, Magdeburg-Buckau, Halle, Dessau, Roßlau, Köthen). Zwischen 1943 und 1944 gaben die bayrischen Bw ihre E 77 im Tausch gegen neue Lokomotiven der BR E 75 komplett nach Mitteldeutschland ab, so daß auf dem Gebiet der späteren Deutschen Bundesbahn keine E 77 verblieben.
Erste Ausmusterungen erfolgten zwischen 1940 und 1943 (4 Loks) nach Brandschäden (Entzündung von Ölrückständen auf den Triebgestellen durch Funkenflug beim Bremsen) sowie 1946 durch Kriegszerstörungen (10 Loks).

Verbleib bei der DR:


Nach dem Krieg sind 41 Lokomotiven in Ost-Deutschland verblieben. Im März 1946 befahl die sowjetische Militäradministration die Einstellung des (übriggebliebenen) elektrischen Zugbetriebs in Mitteldeutschland. Alle dazugehörenden Anlagen, Loks und Triebwagen wurden Richtung Osten abtransportiert. So kamen auch alle Loks der BR E77 in die Sowjetunion. Dort baute man bis 1951 einen Versuchsbetrieb mit 15kV und 162/3Hz auf, der aber nicht erfolgreich verlief. 38 Maschinen der Baureihe E77 durfte die DR 1952/53 von der Sowjetunion zurückkaufen, 3 Stück verblieben dort. Die teilweise umgespurten (1.524mm) und mit Mittelpufferkupplung ausgerüsteten Fahrzeuge wurden, teils zerlegt und auf Flachwagen verladen, ins Reichsbahn-Ausbesserungswerk Dessau gebracht.
Da die DR ab 1952 aus eigener Kraft zunächst das mitteldeutsche Hauptstreckennetz wieder elektrifizierte und dafür Lokomotiven brauchte, entsprechende Neubau-E-Loks jedoch erst Mitte der 1960-er Jahre zur Verfügung standen, setzte das Reichsbahn-Ausbesserungswerk Dessau die 10 am besten erhaltenen Maschinen der BR E77 zwischen 1959 und 1960 wieder instand. Die restlichen Lokomotiven dienten als Ersatzteilspender und wurden Mitte der 1960-er Jahre verschrottet.
Wie vor dem Krieg waren die 10 E 77 in Bitterfeld, Leipzig-Wahren und Magdeburg-Buckau beheimatet und befuhren den Raum Halle/Leipzig/Magdeburg.
Nachdem Mitte der 1960-er Jahre genügend Neubau-E-Loks vorhanden waren, konnte man auf die unterhaltungsaufwendigen Loks der BR E 77 verzichten und musterte sie zwischen 1965 und 1968 komplett aus.
Die heutige, 1925 gebaute Museumslok E77 210 diente nach ihrer Außerdienststellung zunächst als mobile Trafostation für Weichenheizungen im Hauptbahnhof Halle und ging anschließend in den Museumsbestand des Verkehrsmuseums Dresden über. Dazu wurde sie 1969 im RAW Dessau aufgearbeitet. Sie war zu dieser Zeit nicht betriebsfähig. Auf der Fahrzeugausstellung 1977 wurde sie erstmals als Museumslok gezeigt. Zwischen 1978 und 1979 erfolgte die betriebsfähige Aufarbeitung der Lok durch die Mitarbeiter des Bw Dresden, dabei wurde sie weitestgehend in den Originalzustand von 1925 versetzt. Seit 31.08.1979 steht die E77 10 für Sonderfahrten zur Verfügung. Zum Fest „100 Jahre elektrische Lokomotiven“ in Dessau (15. bis 23. 09.1979) fuhr sie erstmals wieder mit eigener Kraft.
In den folgenden Jahren war sie unter anderem zu sehen:

    1980 bei Sonderfahrten: Dresden – Meißen und Dresden – Klingenberg-Colmnitz 
    1982/83/84 Halle – Mücheln (Geiseltal), Dresden – Zwickau, Wustermark – Nauen 
    1985 bei Lokausstellungen: in Blankenburg/Harz anlässlich 100 Jahre Rübelandbahn, in Güstrow zur Eröffnung
des elektrischen Zugbetriebes Neustrelitz – Rostock, in Berlin und Erfurt zu den Festen 150 Jahre Eisenbahn,
in Karl-Marx-Stadt Hilbersdorf zu „75 Jahre Heizhaus“, 1986 bei der Sonderfahrt Freiberg – Zwickau  

Bis zu ihrer großen Instandsetzung (Stufe 6) in der Zeit vom 29.10.1987 bis zum 28.02.1988 im RAW Dessau legte sie bei den Fahrten zu den vielen Ausstellungen und vor Sonderzügen 4985 km zurück. Danach folgten weitere nachhaltige Sonderfahrten wie:

    Am 08. und 09. 04.1989 die Fahrzeugparade in Riesa anlässlich des Jubiläums „150 Jahre erste deutsche Ferneisenbahn Leipzig – Dresden“, 
    Am 06.12.1991 die erste Werkstattfahrt im Bereich der DR mit den „Zwickauer“ Eilzugwagen der Baujahre 1930 – 1935 anlässlich der Streckenelektrifizierung Riesa – Chemnitz als „Fahrt mit der E-Lok nach Amerika“, 
    25.05.1992 die Werkstattfahrt anlässlich der Streckenelektrifizierung Ruhland – Priestewitz mit der Fahrtstrecke über den Kohlering zwischen Spreewitz, Schwarze Pumpe, Sabrodt und Senftenberg. 

Seit der Neuordnung der Eisenbahn-Museumsfahrzeuge in den 1990-er Jahren gehört die E 77 zum DB-Museum Nürnberg und wird von den Vereinsmitgliedern der Interessengemeinschaft Bahnbetriebswerk Dresden-Altstadt e. V. gepflegt und betreut.
1996 verfiel die Lauffähigkeitsbescheinigung, da für die notwendigen Fristarbeiten keine Finanzierungsmöglichkeiten durch das Museum bestanden.
Im Jahr 2004 führten die engagierten Dresdner Vereinsmitglieder alle notwendigen Fristarbeiten mit Unterstützung eines Sponsors selbst durch und stellten die E 77 beim Eisenbahnverkehrsunternehmen Erzgebirgsbahn wieder betriebsfähig ein. Von den danach folgenden Sonderfahrten und Lokausstellungen sollen nur einige aufgezählt werden:

    Am 20.10.2004 die Werkstattfahrt anlässlich der Wiederinbetriebnahme des durch das Jahrhunderthochwasser im Jahr 2002 zerstörten Streckenabschnitts Dresden –Tharandt mit einer Fahrt von Dresden nach Augustusburg (E 77 bis Erdmannsdorf), 
    Am 22.11.2005 die Werkstattfahrt anlässlich der Erneuerung der Oberleitung und des 4-gleisigen Ausbaus Pirna – Dresden (Fahrt Dresden – Krippen)  
    Am 24.10.2006 die Werkstattfahrt anlässlich des neu errichteten Bahnsteigs am Kloster Altzella (Fahrt Dresden - Riesa - Döbeln – Chemnitz – Freiberg – Dresden),
 
    Am 18.03.2008 die Werkstattfahrt anlässlich des 3-gleisigen Ausbaus Riesa – Röderau (Fahrt Dresden – Riesa – Falkenberg – Elsterwerda – Dresden), 
    Am 21./22.09.2008 Fahrzeugausstellung mit Rundfahrten in Bochum-Dahlhausen 
    0.10.2008 die Werkstattfahrt anlässlich der Oberleitungserneuerung im Knoten Dresden (Fahrt Dresden – Schöna mit DR-Doppelstock-Einheit vom Baujahr 1953).